« vorige Seite | nächste Seite »


Wie du aus fruchtlosen, kontroversen Diskussionen einen bereichernden Austausch machen kannst

Lieber anhören:

Lieber selbst lesen:

Es gab Zeiten, in denen ich eine enge Freundin bat, mich zu fesseln und zu knebeln, sollte ich mal wieder vorhaben zu einem Familientreffen zu fahren. Jedes Mal, wenn ich von einer solchen Veranstaltung zurückkam, war ich ziemlich frustriert. Nicht, dass ich eine furchtbare Familie hätte. Es ist jedoch so, dass gerade in Familien eine ganz bestimmte Dynamik zu herrschen scheint. Jeder hat seine angestammte Rolle und dort wird er bei solchen Treffen auch wieder hineingezwungen, ungeachtet seiner persönlichen Weiterentwicklung und ob diese Rolle noch – oder überhaupt je – der betreffenden Person gerecht wird. Familien können nun mal ebenso das Beste wie auch das Schlechteste in uns herauskitzeln. Und vor allem kann es gerade in Familien zum Aufeinanderprallen unterschiedlicher Auffassungen kommen.

Unsere Beziehungen und die damit verbundenen Alltags-Diskussionen profitieren, wenn wir uns bestimmter Gesprächstaktiken bewusst werden und diese gerade in kontroversen Diskussionen anwenden lernen. Jedes Gespräch zeichnet sich nämlich auch, als eine Gelegenheit sich einzubringen und zu überzeugen aus. Es gibt Strategien, die aus sinnlosem Argumentieren eine für beide Seiten bereichernde Erfahrung machen können.

Nicht um den heißen Brei reden

Zunächst ist es hilfreich nicht um den heißen Brei zu reden, sondern eine gegensätzliche Meinung oder einen Konflikt auch als solche anzuerkennen und zu benennen. Hitzige Diskussionen entstehen meistens aufgrund starker eigener Überzeugungen. Indem wir anerkennen, dass jemand eine gegenteilige Meinung vertritt – was nicht gleichbedeutend ist, damit einverstanden zu sein –, zeigen wir unsere Bereitschaft, das zu respektieren, ohne uns selbst oder unsere persönliche Auffassung dabei zu verlieren. Wir können etwa ganz entspannt und ohne Vorwurf bemerken: „Worin wir uns in unserer Auffassung unterscheiden, scheint mir dieser Punkt zu sein“ oder sogar noch besser als Frage formuliert: „Siehst du es auch so, dass wir in diesem Punkt unterschiedlicher Auffassung sind?“

Gemeinsamkeiten entdecken

Wenn wir kontrovers diskutieren, steckt oft unbewusst eine bestimmte Haltung dahinter. Sie ist von der Hoffnung geleitet, den anderen davon überzeugen zu können, dass | er falsch liegt und wir nun wunderbarerweise auftauchen, um ihn eines Besseren zu belehren. Jemandem beweisen zu wollen, dass er falsch liegt, bedeutet jedoch, dass wir nicht mit ihm, sondern gegen ihn reden. Es leuchtet sicher ein, dass gegen jemanden zu gehen kaum geeignet sein kann, um Verbindung herzustellen und einen echten Austausch zu gewährleisten. Das Gegenüber mit Fakten zu überschütten, die gegen dessen Überzeugung gehen, sorgt nämlich eher dafür, dass dieser seine Ansicht jetzt erst recht vehement verteidigt. Viel sinnvoller wäre es, Gemeinsamkeiten zu entdecken. Das erreicht man am besten über Fragen. Wenn wir etwa über das aktuelle Impfen diskutieren, könnten wir fragen: „Sind wir uns einig darüber, dass uns beiden Gesundheit sehr am Herzen liegt?“ Wir stellen solche oder ähnliche Fragen, gewähren dem anderen ausreichend Zeit, darüber nachzudenken und diese zu beantworten und hören ihm dabei aufmerksam zu.

Damit schaffen wir es, Gemeinsamkeiten zu entdecken, die eine gute Basis für eine Brücke zum anderen sind. Über die so etablierte Verbindung öffnet sich der andere dann viel eher auch für unsere Ansichten, ebenso wie wir uns selbst für seine geöffnet haben.

Auf die Sache konzentriert bleiben

Unserer Vorurteile sind wir uns nicht unbedingt bewusst. Menschen mit Kindern etwa, mögen Kinderlosen unbewusst unterstellen, dass sie kaum dazu in der Lage sein dürften, sich das Leben mit Kindern vorzustellen. Elternzeitler versus Vollarbeitszeitler, Tempo-Limit-Befürworter versus Freie-Fahrt-Verfechter, Elektroauto- versus Benzingetriebenen-Besitzer, wie wir den anderen einschätzen, beeinflusst unser Denken. Und leider sind wir viel zu schnell dabei zu verallgemeinern, wie etwa „die SUV-Fahrer“, „die Eigenheimbesitzer“ oder „die Söhne-Mütter“. Wenn es hitzig wird, erliegen wir schneller der Versuchung, uns davon leiten zu lassen. Damit vernebeln wir aber ungünstigerweise auch, worum es in der Sache eigentlich geht. 

Sinnvolle Aspekte auf beiden Seiten entdecken

Wenn es dir gelingt in einer kontroversen Diskussion einzuräumen, dass du selbst auf dem Holzweg sein könntest, schaffst du einen guten Rahmen für einen ehrlichen Austausch. Das ebnet auch den Weg für beide Parteien, von ihrer ursprünglichen Position abzuweichen und sich aufeinander zuzubewegen. Du vergibst dir nichts, wenn du dir einfach mal eine Zeit lang vorstellst, du wärst genau der gleichen Meinung wie der andere. Dabei können idealerweise beide Parteien neue Argumente dafür oder dagegen entdecken. Der Vorteil dieser Vorgehensweise ist, dass du offener für die andere Seite bleibst und weniger verleitet bist dich zu verteidigen. Allerdings funktioniert das nur bei ehrlichem Interesse, denn der andere bemerkt schnell, wenn du ihm nur auflauern willst, um eine Unstimmigkeit in seiner Argumentation aufzudecken und womöglich auszuschlachten.

Unterschiedliche Wahrheiten anerkennen

Gerne werden in Diskussionen angeblich sachliche Argumente ins Feld geworfen, die untermauern sollen, dass man recht habe. Wenn das geschieht, erweist es sich als hilfreich, nachzufragen, aus welcher Quelle die Information stammt und wie die Daten ermittelt wurden. Natürlich nicht mit einem Vorwurf in der Stimme, sondern aus ehrlichem Interesse. Sich „Beweise“ an den Kopf zu werfen, um die eigene gegenteilige Meinung zu untermauern, bewirkt nämlich genau das. Es errichtet eine Mauer und stört dadurch den Fluss im Austausch.

Zum rechten Zeitpunkt aussteigen

Wenn ihr beide anfangt euch zu wiederholen, könnte es sein, dass der Zeitpunkt gekommen ist, aus der Diskussion auszusteigen und sie zu beenden. Es wäre schön, wenn es dir gelingt anzuerkennen, dass der andere bereit war, sich mit dir über eure gegensätzliche Auffassung auszutauschen. Das könnte so klingen: „Ich bin weiterhin anderer Ansicht, bedanke mich aber auch für die Erkenntnisse, die ich aus deiner Einschätzung gewonnen habe.“ Vielleicht kann man dann ein unverfänglicheres Thema anschneiden, mit den Worten: „Ich bin neugierig auf deine Einschätzung zum Thema XYZ. Magst du dich mit mir darüber austauschen?“ Und wenn das alles nicht hilft, kann man sich schlussendlich auch höflich der Situation entziehen.

Wenn dir der Beitrag gefallen hat, wenn du Anregungen dazu hast oder eine gegensätzlichen Standpunkt zum Thema vertrittst, ich freue mich immer von dir zu hören. Mail an ur@ullaraaf.de.