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Die Kunst auf gegenteilige Ansichten zu reagieren

Tempolimit oder freie Fahrt. Impfen oder nicht. Kernkraft oder Windräder. Klimawandel bedrohlich oder nicht. Wir leben in einer Zeit, in der gegensätzliche Meinungen zu sehr vielen Themen an der Tagesordnung sind. Und genauso häufig treffen wir auf etwas, das ich mit Empörung-Kultur bezeichnen möchte. Wenn unterschiedliche Auffassungen aufeinandertreffen wird allzu oft sehr extrem reagiert. 

Es kommt nicht nur zu heftigen Auseinandersetzungen oder sogar erbittertem Streit. Da bittet eine Dame ihre Tischnachbarin, deren Telefonat doch etwas leiser zu halten und wird mit Stühlen beworfen. Da weist ein Tankstellenwart den Kunden auf die Maskenpflicht hin und wird erschossen.

Was ist los, dass viele offenbar nicht mehr mit einer Position, die anders als die eigene ist, angemessen umgehen können? Dass Menschen, wenn sie auf eine andere Auffassung treffen, sofort Gegenargumente ins Feld führen oder sogar, wie in den beschriebenen Fällen, gewalttätig werden. Mit Dagegen gehen erreicht man absolut nichts. Kein Mensch wird auf eine solche Entgegnung hin sagen: „Ach stimmt, du hast recht, ich ändere meine Meinung.“ Ich habe das zumindest noch nirgendwo beobachten können.

Was würde geschehen, wenn du dich in einer solchen Situation mit der Position des anderen auseinandersetzt. Wenn du mal eine Zeit lang annimmst, dies wäre deine eigene Meinung. Aus dieser Haltung heraus kannst du konkrete Fragen zu stellen.

  • Worauf beziehst du dich genau?
  • Auf welchen Erkenntnissen beruht deine Auffassung?
  • Wie hast du diese Meinung überprüft?
  • Gibt es noch andere Quellen, die über dieses Thema berichten?
  • Wie glaubhaft ist diese benannte Quelle?

Man kann sich ein ganzes Gespräch lang durchfragen. Vielleicht verändert das die eigene Meinung zum Thema kein bisschen. Vielleicht gewinnt man neue Erkenntnisse. Vielleicht wird das Gegenüber sogar selbst nachdenklich, wenn es seine Ansicht erklären soll. 

Auf keinen Fall solltest du dich mit Allgemeinplätzen, wie 

  • alle sagen das
  • das weiß man doch
  • das stammt aus zuverlässiger Quelle

oder ähnlichem abspeisen lassen. Du kannst immer weiter nachhaken und versuchen herauszufinden, wie die andere Person zu dieser Auffassung gekommen ist und warum sie nun diese Ansicht vertritt. 

Erst, wenn das Gegenüber sich uneingeschränkt gehört und verstanden fühlt, kannst du in Erwägung ziehen, die eigene Meinung ebenfalls zu äußern. Und sobald Gegenargumente fallen, gehst du wieder auf diese ein. Das Gespräch dauert womöglich eine Weile. In allen Fällen kommt man jedoch am Ende eines so geführten Gesprächs zu einer Einigung. Und wenn es nur die ist, dass man weiterhin unterschiedliche Auffassungen zu diesem Thema vertritt.